Rückblick

Stadt-Land-Velo bei Slow Grow

Ein Ausflug in die regenerative Landwirtschaft oder drei Freunde auf Bummel und ein kleines Mädchen im Anhänger. Die Novembersonne steht tief und der Herbsthimmel leuchtet als wir uns auf den Weg machen – nach Mönchaltorf. Gemütlich fahren wir die Kilometer durch die Kulturlandschaft zwischen Zürich- und Greifensee. Unser Ziel ist Slow Grow – eine Alchemie-Werkstatt für regenerative Landwirtschaft. Du fragst dich, was das auf sich hat? Gemeint ist eine landwirtschaftliche Bewirtschaftungsmethode, die den Boden schont. Humusaufbau heißt das Zauberwort. Den brauchen wir jetzt dringender denn je, da wir lediglich nur noch 60 Ernten vor uns haben, sagt eine aktuelle Studie der Vereinten Nationen.

Uns drei verbindet die Liebe zum Velo und zu einer lebendigen und vielfältigen Landwirtschaft. Leander ist Mitgründer vom Verein Boimig und leidenschaftlicher Verfechter von Agroforstsystemen, Sabrina umsorgt die Permakulturfläche auf dem Birchhof und ist Initiatorin von Permaschmaus. Ich engagiere mich unter anderem für eine kleinräumige und solidarische Landwirtschaft bei Grünhölzli. Unsere Kollegen von Crowd Container sind schon etwas früher vor Ort.

Unser Gastgeber ist Salomon und sein Empfang ist herzlich und unkompliziert. Er heißt uns willkommen und wir decken zügig den Mittagstisch mit Selbsteingemachtem, Selbstangebautem oder Gerettetem. Die Yaconwurzel kommt heiß aus dem Backofen und man staunt über diese exotische Knolle, die bei Slow Grow angebaut wird – für die Gastronomie.

Es ist diese rebellische Neugier gepaart mit radikaler Fürsorge für die lokale Biodiversität und für den Humus-Aufbau, den Matthias – der Gründer von Slow Grow – als weltweit wichtigste Ressource bezeichnet, welche uns fasziniert. Lebendige Böden brauchen eine Mulchdecke, ob Laub, Holzhäckseln oder Schilfrohr, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Bevor man mit der Trockenlegung der Feuchtgebiete rund um Greifensee vor 150 Jahre begann, war die Gegend traditionell für ihre Riedbiotope bekannt. Heutzutage werden diese Flächen von den Landwirten extensiv gepflegt und unter anderem als Mulch-Biomasse bei Slow Grow getestet.

Der Betrieb bewirtschaftet rund 15 ha Land, die Parzelle sind verstreut in der Nachbarschaft. Es wird Querbeet angebaut, aber mit System! Blumen, ein- und mehrjähriges Gemüse, essbare Knollen, Pilze Hochstammobst und Getreide.

Wir haben an diesem Tag Erdmandeln geerntet und sortiert, aber eigentlich hatten wir es gemütlich gehabt dank der tüchtigen Feldmäuse. Sie bunkern fleißig die Knöllchen der Pflanze als Wintervorrat in ihrem Bau – unterirdische Kammern, die nur darauf warten abgeräumt zu werden. Erdmandel sind unscheinbare Energiekraftwerke, die ihren oberirdischen Namensverwandten in Geschmack und Aroma in Nichts nachstehen. Sie werden für die Gastronomie weiterverarbeitet als Mus, Mehl, Flocken. So werden Produktionskreisläufe bei Slow Grow geschlossen, denn man arbeitet eng mit der Gastwirtschaft Jakob oder mit BachserMärt zusammen. Zumal finden die Gemüsekisten zu ihren Bestimmungsorten mittels klimafreundlichem Transport (SBB, Elektrovelo).

Bei Slow Grow wird alles auf der Market Garden Fläche in Handarbeit erledigt, der Traktor kommt auf dem Acker nur selten zum Einsatz. Betriebe wie dieser sorgen für einen Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft – der Einsatz von fossilen Brennstoffen auf das Minimum reduzieren und CO2 im Boden als Humus speichern. Häufig liegen die besten Lösungen direkt unter unseren Füssen.

Wir dürfen uns im Lagerraum umschauen: Oca – in allen denkbaren Farben, Kürbisse – kunstvoll drapiert auf den Regalen wie ein holländisches Stillleben. Samuel erzählt, dass einer der freiwilligen Helfer ausgebildeter Gestalter ist. Überhaupt lebt das Projekt von den vielen helfenden Händen und Talenten der Freiwilligen. Möchte man sich mit (regenerativer) Landwirtschaft auseinandersetzen und selbst auf dem Acker Hand anlegen, sollte man bei Matthias oder Salomon direkt nachfragen oder einfach beim nächsten Stadt-Land-Velo Ausflug dabei sein, die Veranstaltungen werden jeweils auf Facebook veröffentlicht – Es lohnt sich!

Dessi, 20.12. 19

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Gemeinsam mit dem Velo zu einem Hof in der Umgebung fahren, selber anpacken und dabei etwas über nachhaltige Landwirtschaft lernen.

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